ASS-Thrombozytenaggregationshemmung und zahnärztliche Behandlung
Wirkstoff: Acetylsalicylsäure / ASS / Aspirin
Deutsche Begriffe: ASS, Acetylsalicylsäure, Thrombozytenaggregationshemmer
Kategorie: Thrombozytenaggregationshemmer
Zahnmedizinische Relevanz: Blutungsrisiko bei invasiver Behandlung und Vermeidung gefährlicher Unterbrechung bei kardiovaskulärer Indikation.
Kernprinzip: ASS wird bei den meisten zahnärztlichen Eingriffen nicht abgesetzt. Blutungen sind meist lokal kontrollierbar; Absetzen kann kardiovaskuläre Risiken erhöhen.
Dieser Artikel dient nur der zahnmedizinischen Fortbildung. Patienten mit ASS zur Sekundärprävention nach Herzinfarkt, Schlaganfall, Stent oder Gefäßerkrankung dürfen ASS nicht auf zahnärztliche Empfehlung eigenmächtig absetzen. Lokale Blutstillung ist in der Regel der richtige zahnärztliche Ansatz. Besondere Vorsicht gilt bei dualer Plättchenhemmung, zusätzlicher Antikoagulation oder ausgedehnter Chirurgie.
ASS hemmt Thrombozyten irreversibel und reduziert dadurch die Plättchenaggregation. Das schützt vor arteriellen thrombotischen Ereignissen, kann aber postoperative Blutungen verlängern.
Für einfache zahnärztliche Eingriffe ist die Blutung meist lokal beherrschbar. Das medizinische Risiko eines Absetzens kann deutlich schwerer wiegen als die zahnärztliche Nachblutung.
Die praktische Regel lautet: Indikation kennen, Zusatzmedikation prüfen, Eingriff begrenzen und lokale Hämostase sauber durchführen.
- Medikamentengruppe: Thrombozytenaggregationshemmer
- Hauptrisiko in der Zahnmedizin: verlängerte lokale Blutung
- Hauptrisiko beim Absetzen: Herzinfarkt, Schlaganfall oder Stentthrombose bei Hochrisikopatienten
- Besondere Situation: duale Plättchenhemmung mit Clopidogrel, Prasugrel oder Ticagrelor
- Klinische Priorität: ASS meist fortführen und lokal Blutung kontrollieren
ASS hemmt COX-1 in Thrombozyten irreversibel. Dadurch wird Thromboxan A2 reduziert und die Plättchenaggregation nimmt ab. Weil Thrombozyten keinen Zellkern haben, hält der Effekt über die Lebensdauer der betroffenen Thrombozyten an.
- Niedrige Dosis: häufig zur kardiovaskulären Sekundärprävention.
- Blutungsart: meist lokale Nachblutung oder verlängertes Sickerbluten.
- Kein INR: ASS wird nicht über INR gesteuert.
- Zahnärztlich: lokale Blutstillung ist wichtiger als Medikamentenunterbrechung.
- Niedriges Risiko: Untersuchung, Röntgen, Füllungen, Endodontie, supragingivales Scaling, einfache Infiltrationsanästhesie.
- Höheres Risiko: Extraktion, mehrere Extraktionen, Parodontalchirurgie, Implantation, Biopsie, Lappenoperation.
- Bei ASS-Monotherapie sind viele Eingriffe mit Druck, Naht und lokalen Hämostyptika gut kontrollierbar.
- Bei dualer Plättchenhemmung oder Kombination mit Antikoagulanzien steigt das Risiko und Rücksprache kann nötig sein.
- Klären, ob ASS zur Primär- oder Sekundärprävention eingenommen wird.
- Nach Stent, Herzinfarkt, Schlaganfall, TIA oder Gefäßerkrankung fragen.
- Zusätzliche Medikamente wie Clopidogrel, Warfarin, Apixaban, Rivaroxaban oder NSAR prüfen.
- Termin früh am Tag planen und Operationsgebiet begrenzen.
- Atraumatisch extrahieren, Koagel schützen, Druck und Naht bei Bedarf verwenden.
- Hämostyptikum bereitlegen.
- Schriftliche Blutungshinweise geben.
- Duale Plättchenhemmung nach frischem Stent oder akutem Koronarsyndrom.
- Kombination aus ASS und Antikoagulans.
- Ausgedehnte chirurgische Behandlung mit schwer kontrollierbarer Blutung.
- Spontane Blutungen, Hämatome oder bekannte Thrombozytopenie.
- Lebererkrankung, Nierenversagen, hämatologische Erkrankung oder Tumortherapie.
- Patient oder anderer Behandler schlägt Absetzen vor, obwohl hohes kardiovaskuläres Risiko besteht.
- Zusätzliche NSAR erhöhen Magen-Darm- und Blutungsrisiko.
- ASS nicht zusätzlich gegen Zahnschmerzen verordnen, wenn der Patient es bereits als Plättchenhemmer nimmt.
- Paracetamol ist häufig die praktischere Option, wenn keine Gegenanzeigen bestehen.
- Kortikosteroide, SSRI/SNRI und Alkohol können Blutungsrisiken verstärken.
- Antibiotika nur bei Indikation; sie ersetzen keine lokale Blutstillung.
- ASS nicht selbstständig vor dem Zahnarzttermin absetzen.
- Alle Herz-/Gefäßdiagnosen und Stents mitteilen.
- Nach Extraktion Gaze fest zusammenbeißen.
- Am ersten Tag nicht kräftig spülen, spucken, rauchen oder Alkohol trinken.
- Keine zusätzlichen frei verkäuflichen Schmerzmittel wie Ibuprofen oder ASS ohne Rücksprache einnehmen.
- Bei erneuter Blutung Gaze auflegen und Druck halten.
- Praxis kontaktieren, wenn Blutung nicht nachlässt oder Kreislaufzeichen auftreten.
ASS-Blutungen sehen manchmal lästig aus, sind aber meist lokal beherrschbar. Eine Stentthrombose oder ein Schlaganfall nach unnötigem Absetzen ist eine ganz andere Liga.
- Blutung trotz wiederholtem festem Druck.
- Große Koagel, Kreislaufsymptome oder Schwäche.
- Atemwegsproblem durch Blutung.
- Brustschmerz, neurologische Ausfälle oder Verdacht auf kardiovaskuläres Ereignis.
- Duale Plättchenhemmung mit schwerer Blutung.
- Ausbreitende Infektion mit Fieber, Trismus oder Dysphagie.
ASS-Checkliste
- Warum nimmt der Patient ASS?
- Primär- oder Sekundärprävention?
- Gibt es Stent, Herzinfarkt, Schlaganfall oder TIA?
- Nimmt der Patient weitere Plättchenhemmer oder Antikoagulanzien?
- Wie groß ist der Eingriff?
- Sind lokale Hämostyptika bereit?
- Wurde NSAR-Vermeidung erklärt?
- Sind schriftliche Hinweise gegeben?
Häufige Fehler bei ASS-Patienten
- ASS vor Extraktion routinemäßig absetzen lassen.
- Stent- oder Herzinfarktgeschichte nicht erfragen.
- Dualtherapie übersehen.
- Ibuprofen oder zusätzliches ASS gegen Zahnschmerzen empfehlen.
- Ohne Naht, Druck oder Hämostyptikum arbeiten, obwohl Blutungsrisiko besteht.
- Patient ohne klare Nachblutungsanweisung entlassen.
- Warfarin
- Apixaban
- Rivaroxaban
- Clopidogrel
- Duale Plättchenhemmung
- Lokale Hämostase
- Tranexamsäure
- Zahnextraktion
- NSAR
- Paracetamol
ASS ist ein Thrombozytenaggregationshemmer, der in der Zahnmedizin meist nicht unterbrochen wird. Bei ASS-Monotherapie sind Blutungen nach vielen Routineeingriffen lokal kontrollierbar. Entscheidend sind Indikation, kardiovaskuläres Risiko, zusätzliche Antikoagulanzien oder Plättchenhemmer, Eingriffsgröße und ein sauberer lokaler Hämostaseplan. Das Absetzen von ASS, besonders bei Sekundärprävention nach Herzinfarkt, Schlaganfall oder Stent, kann gefährlich sein. Der Zahnarzt sollte lokale Maßnahmen, schriftliche Hinweise und sichere Analgesieplanung verwenden, statt ASS routinemäßig abzusetzen.
Resources SDCEP guidance on management of dental patients taking anticoagulants or antiplatelet drugs.
Resources American Dental Association overview on oral anticoagulant and antiplatelet medications and dental procedures.
Resources SDCEP full guidance PDF for dental management of patients taking anticoagulants or antiplatelet drugs.
Resources Review discussing dental management of patients receiving anticoagulant or antiplatelet therapy with local haemostatic measures.